Attachment Parenting oder einfach Erziehung mit Gefühl und Herz

Meine Gedanken schweifen gerade in die Zeit zurück als wir beschlossen hatten unser erstes Baby zu bekommen. Während der Phase des ersten Kinderwunsches hatte ich Bilder im Kopf wie alles werden soll mit dem Baby. Ich hatte Vorstellungen darüber, wie es erzogen werden soll, wie der Familienalltag abläuft und wann ich wieder arbeiten gehen würde. Ich hatte allerdings keine Vorstellung davon wie ich als Mama sein würde. Ich glaube ich kannte mich selbst sehr gut, nur bestand mir da eine Entwicklung meiner Persönlichkeit bevor, die ich noch nicht einzuschätzen wusste. Das machte mir keine Angst aber ich hatte durchaus Respekt davor. Könnte ich meine Ansichten und Überzeugungen, meine Werte und Verhaltensweisen in meine Erziehung einbringen oder würde ich an Grenzen stoßen? Müsste ich mich möglicherweise neu erfinden und finden? Heute kann ich sagen: Von allem etwas.

Während meiner ersten Schwangerschaft stellte sich heraus, dass ich von Anfang an sehr darauf bedacht war, mit meinem Baby zu kommunizieren. Ich sang für die kleine Maus in meinem Bauch, legte ihr Spieluhren auf den Bauch um zu sehen wie sie reagierte und als sie anfing stärker zu treten erzeugte ich mit meinen Händen einen leichten Gegendruck um ihr zu sagen, dass ich da war und immer da sein würde. Als sie dann auf der Welt war und dieses süße kleine Wesen begann unser Leben umzukrempeln trat das ein was ich bereits erwähnte. Ich stieß des Öfteren an meine Grenzen und musste lernen von gewohnten Verhaltensmustern Abstand zu nehmen und neue Wege zu gehen. Ich glaube, alle Mamas kennen das. In meinem Kopf herrschte beispielsweise die irrsinnige Vorstellung, dass mein Kind zu vorgegebenen Zeiten schlafen würde und das auch noch in seinem eigenen Bett. Dem war natürlich nur in den ersten Wochen so, aber als die Maus begann ihr Umfeld wahrzunehmen war das Schlafen im eigenen Bett plötzlich gar nicht mehr angesagt, sondern tagsüber konnte sie ihre Ruhepausen nur im Kinderwagen oder ganz dicht an mir einlegen. Damals war das wirklich etwas woran ich fast verzweifelt wäre. Das Problem waren aber rückblickend nicht mein Kind oder ich oder gar ihr extremes Nähebedürfnis sondern mein Gefühl nicht dem zu entsprechen was erwartet wurde. Denn die Ansage aus Geburtsvorbereitungskursen, von anderen Mamas sowie Hebammen war, Nähe geben aber nicht zu viel. Übersetzt hieß das:

  • Kuscheln ja, aber lass das Kind bloß nicht beim stillen einschlafen. Daran gewöhnt es sich und es schläft später nie alleine ein
  • Schaukel sie nicht in den Schlaf, leg sie in ihr eigenes Bett
  • Trag sie nicht zu viel im Tuch. Das gibt irgendwann Haltungsschäden
  • Mach dies, mach bloß nicht das aber das wichtigste ist: Stress Dich nicht zu sehr!

Und letzteres habe ich mir dann irgendwann zu Herzen genommen. Stress Dich nicht zu sehr!

Irgendwann kam der Punkt wo ich alle Grundsätze, Erwartungen und Vorgaben über Bord geworfen habe und mein Schiff so steuerte wie ich es für richtig hielt. Die Maus brauchte ganz viel Nähe, also gab ich sie ihr bedingungslos. Sie durfte beim Stillen einschlafen und die Mama auch;-). Sie wurde dann gestillt wenn sie Hunger hatte und nicht zu einem festen Zeitplan. Ich trug sie tagsüber oft im Tragetuch oder fuhr mit ihr im Kinderwagen durch die Gegend. Ich lernte, ihre Signale zu deuten und reagierte sofort wenn sie schrie, auch schon beim ersten meckern. Das widersprach damals wohl alles der allgemeingültigen Ansicht wie man es machen sollte. Da hieß es, auch mal meckern und schreien lassen. Das Kind muss merken, dass man nicht sofort springt wenn es was hat. Heute als Zweifachmama bin ich selbstbewusst genug um zu sagen, gut, dass ich nicht darauf gehört habe. Denn Fazit war, die Maus hat sich irgendwann von selbst abgestillt und wollte danach nur noch Abends ihr Fläschchen. Mit 2 Jahren hat sie das plötzlich auch ganz energisch abgelehnt. Wir kuscheln auch heute noch manchmal zum einschlafen aber oft möchte sie auch einfach in ihr Bett. Ich halte dann ihre Hand bis sie eingeschlafen ist. Ich habe das Gefühl, diese Nähe beim Einschlafen gibt ihr so ein gutes Gefühl und so viel Sicherheit, dass sie ganz einfach durchschläft. Denn das tut sie bereits seit 1 ½ Jahren. Sie weiß auch, dass sie jederzeit in unser Bett kommen darf wenn sie mal Nachts aufwacht. Da darf sie sich bedingungslos unter unsere warme Bettdecke kuscheln und für mich als Mama gibt es nichts schöneres als ihren ruhigen Atem zu hören und wieder mit ihr einzuschlafen. Ich habe sie nie weinen lassen oder bin nicht auf sie eingegangen und vielleicht ist das auch der Grund weshalb sie als Baby und auch heute noch kaum weint. Sie weiß, sie hat eine Stimme und wird gehört. Und wenn wir mal ehrlich sind, wer von uns schläft gerne alleine und vor allem wer geht gerne traurig ins Bett?

Ich bin so unendlich froh, dass ich alle diese Erfahrungen mit der Maus machen kann und sie mir hilft, meine Ansichten zu überdenken und vor allem ein gesundes Selbstbewusstsein in Erziehungsfragen zu entwickeln. Damals konnte ich noch nicht ahnen wie sehr ich es bei Knödel brauchen würde.

Natürlich hatte ich mir vorgenommen, alle diese Erfahrungen auch auf die Erziehung von Knödel anzuwenden. Ich malte mir schon aus wie einfach ich das Schiff über die ruhige See schaukeln würde. Allerdings kam mit Knödel ein gewaltiger Sturm auf der mir ganz deutlich meine Grenzen aufzeigte und ich musste mich wiederum neu erfinden. Ich bin sehr froh, dass Knödel unser zweites Kind ist, denn so hatte ich wenigstens schon meinen Bootsführerschein und machte jetzt noch eine Weiterbildung;-)

Wenn man ein chronisch krankes Kind hat muss man sich immer wieder behaupten, vor Kritikern, vor Skeptikern, vor Ärzten, vor Therapeuten. Es sind Menschen mit denen man zusammenarbeitet um sein Kind zu fördern. Menschen, die alles tun, damit es unserem Kind besser geht. Das weiß ich mehr als alles andere zu schätzen. Trotzdem haben auch diese Menschen manchmal abweichende Ansichten von denen der Eltern. In den meisten Fällen nehmen wir diese Ratschläge an, da wir natürlich auf den fachlichen Rat vertrauen. In manchen Fällen kann es aber auch ratsam sein, selbstbewusst die eigenen Ansichten durchzusetzen. Nach Knödels OP mit 3 Monaten lag sie noch 4 Wochen im Krankenhaus. Die frühere Entlassung scheiterte unter anderem auch daran, dass sie nicht die vorgegebenen 100ml pro Mahlzeit trinken wollte. Ich kannte mein Kind ja nun schon 3 Monate und wusste, wenn dies die Vorgabe war, dann würden wir nie nach Hause kommen. Denn das würde sie nicht schaffen. Ich verstand die Ärzte und Pfleger, die natürlich auch ihren Plan hatten damit Knödel möglichst schnell wieder fit wurde, allerdings machte ich meine Bedenken deutlich. Knödel war es gewohnt, dann zu trinken wenn sie Hunger hatte und dann auch nur so viel wie sie konnte. Wenn ich deshalb also alle 2 Stunden füttern musste war das nunmal so. Ich vereinbarte mit der Ärztin, dass ich es 24 Stunden auf diese Weise versuchen dürfte und siehe da, sie trank sogar nach diesem Muster mehr als die vorgeschriebene Gesamtmenge. Ich würde niemals jemandem einen Vorwurf machen, denn jeder macht es so wie er oder sie es für richtig hält. Gerade auf der Kinderherzstation ist einfach nicht genügend Kapazität vorhanden um auf die besonderen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen. Deshalb sind wir als Eltern gefragt, die mit den behandelten Ärzten gemeinsam Lösungen entwickeln.

Knödel braucht heute sehr viel Nähe. Ich habe sie oft im Tragetuch gehabt damit sie meinen Herzschlag hört und es sie beruhigt. Sie schläft nur mit mir ein und ruft mich Nachts immer um zu mir zu kommen. Das wird sicher ein Problem werden wenn sie nach der nächsten OP alleine auf der Intensivstation liegen muss. Darüber mache ich mir natürlich Gedanken aber das beeinflusst meine Entscheidung nicht, ihr das zu geben was sie eben aktuell braucht. Und auch dafür werden wir dann eine Lösung finden wenn es so weit ist.

Das ist jetzt ein bißchen vom Thema abgewichen, aber was ich damit sagen möchte ist, dass die bedürfnisorientierte Erziehung unserer Kinder an oberster Stelle für uns steht. Denn wir sind davon überzeugt, dass wir so eine intensive und vertrauensvolle Bindung zu ihnen aufbauen und sie irgendwann mit diesen Erfahrungen und einem niemals erlöschenden Gefühl von Geborgenheit selbstbestimmt ihren Weg im Leben gehen. Denn was gibt es schöneres als sich geborgen, geliebt und verstanden zu fühlen egal wie weit man voneinander entfernt ist. Vielleicht ist der Überbegriff dafür „Attachment Parenting“, für mich ist es „Erziehung mit Gefühl und Herz“. Und irgendwie ist das auch bedürfnisorientierte Erziehung für Eltern, denn wir freuen uns, wenn nachts unsere Kinder bei uns sein und mit uns kuscheln wollen. Irgendwann werden sie das nicht mehr tun. Deshalb genießen wir es.

Jeder macht es auf seine Art. Das ist unsere. Und wie ist Deine?

 

Eure Sonja

 

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