Die Einsamkeit – Mein Freund und Feind

Bevor Knödel zur Welt kam hatte ich natürlich auch schon manchmal die Gelegenheit sie kennenzulernen – die Einsamkeit. Als Jugendliche immer dann wenn ich mich mal gerade mit der besten Freundin gestritten hatte oder als Erwachsene wenn ich Ärger mit meinem Freund hatte. Das waren Momente in denen ich mich zurückgezogen habe, um über das Geschehene nachzudenken, um frustriert zu sein, traurig und wütend. Das war Zeit, die ich brauchte, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen und alles wieder in Ordnung zu bringen. Da schlich sich die Einsamkeit schon manchmal ein und stellte sich vor, kam aber nur kurz zu Besuch und verschwand dann recht schnell wieder. Dass ich sie irgendwann in ihren verschiedensten Ausprägungen kennenlernen würde, sie bei mir einziehen und einen intensiven Einfluss auf mein Leben nehmen würde konnte ich damals noch nicht ahnen.

In meiner Kindheit, Jugend und als junge Erwachsene war ich das was man oberflächlich gesagt als „normal“ bezeichnen würde. Ich ging zur Schule, studierte später, fand schnell einen richtig guten Arbeitsplatz. Ich hatte immer einen großen Freundeskreis, machte Sport, verreiste und hatte einfach nur Spaß. Bis auf kurze Momente hatte die Einsamkeit also nichts bei mir zu suchen. Ich war immer von Menschen umgeben, die mich als Person und meine Geschichte verstanden weil sie ähnlich waren. Sie hatten ähnliches erlebt, ähnliches durchgemacht und somit waren wir durchschnittlich betrachtet wohl alle „normal“.

Nach der Geburt unserer ersten Tochter wurde mir in Ansätzen zum ersten Mal klar, dass Einsamkeit nichts damit zu tun hat, wie viele Menschen man um sich herum hat sondern ob diese Menschen mich verstehen. Ich war damals die erste aus meinem engsten Freundeskreis, die ein Kind bekam. Ich hatte mir vorher keine Gedanken darüber gemacht, dass sich die Beziehung zu meinen Freundinnen ändern könnte, da ja einfach alles so weitergehen würde wie bisher, nur mit Kind. Allerdings sollte mich recht schnell die Erkenntnis erreichen, dass es nicht so kommen würde. Während sich die anderen Mädels über shoppen gehen, Mädelsabende oder Sportkurse unterhielten, war ich nächtelang mit meinem Baby wach, wickelte, schaukelte und spazierte durch die Gegend. Während meine Freundinnen sich trafen, lag ich auf der Couch und war zu fertig um aufzustehen. Während sie shoppen gingen, besuchte ich Babykurse oder befasste mich mit dem Thema 3-Monatskoliken. Ein riesen Interessenkonflikt klaffte da plötzlich auf und so kam es immer häufiger vor, dass ich mich nicht verstanden fühlte, da ich in meinem engsten Freundeskreis niemanden hatte mit dem ich mich intensiver über Babykram austauschen konnte. Und wenn es dann einfach mal wieder alles anstrengend war fühlte ich mich oft einsam. Heute haben meine Freundinnen ebenfalls Kinder und dementsprechend ähneln sich die Interessen wieder. So war das mit der Einsamkeit bezogen auf allgemeine Babythemen recht schnell erledigt.

Dann kam Knödel zur Welt und wir erhielten ihre Diagnose. Als wir schon einige Monate den schweren Weg mit unserem Kind gegangen waren sagte mal ein Nachbar sehr mitfühlend zu mir: „Es ändert sich alles, oder?“ Ja, so war es, für mich änderte sich alles.

Nachdem wir die Nachricht über ihre Herzerkrankung und ihren Gendefekt erhielten fiel ich in ein tiefes schwarzes Loch und was da unten herrschte, war die pure Einsamkeit. Es gab Zeiten, zu denen ich dachte, dass ich dort nie wieder herauskommen würde. Zusammen mit meinem Feind Einsamkeit saß ich da unten und wusste keinen Weg nach oben. Ich kann kaum beschreiben durch welche Gefühlswelten ich in dieser Zeit gereist bin. Direkt nach der Diagnose und nachdem wir es unseren Freunden und Verwandten erzählt hatten erreichten mich natürlich ganz viele Anrufe und Nachrichten. Alle wollten helfen und uns unterstützen. Das waren rückblickend absolut großartige Gesten und ich bin sehr froh darüber auch wenn ich es damals nicht richtig annehmen konnte. Ich wollte mit niemandem sprechen und am liebsten auch niemanden sehen. Ich weiß nicht wovor ich Angst hatte, wahrscheinlich vor den ganzen Fragen, die ich nicht beantworten konnte, wahrscheinlich davor los zu weinen obwohl ich es nicht wollte aber ich glaube vor allem hatte ich Angst vor diesen mitleidigen Blicken, vor Floskeln wie: „Es tut mir ja so leid“ und „Oje, das muss wirklich schwer für Dich sein.“ Heute kann ich sagen, alle meinten es ja nur gut und ich hätte in dem Fall wahrscheinlich auch nichts anderes zu sagen gewusst. Ich wollte niemanden bei mir haben aber wenn ich dann alleine war, hatte ich das Gefühl durchzudrehen. Die einzigen Menschen die ich in meiner Nähe haben konnte waren meine Kinder und mein Mann. Jeden Tag habe ich mich nach dem Moment gesehnt, dass er endlich von der Arbeit nach Hause kommt und einfach nur da ist. Ich hatte dann das Gefühl ich müsste reden, konnte aber nichts in Worte fassen.

Mein bester Freund sagte damals etwas sehr verständnisvolles zu mir. Ich weiß gar nicht ob er sich noch daran erinnern kann, aber ich kann es. Er sagte: Sonja, ich möchte Dir wirklich helfen aber ich fürchte ich kann es nicht. Ich habe es nicht erlebt und werde mich niemals in Deine Situation hineinversetzen können. Du weißt ich bin immer für Dich da, höre Dir zu und gebe Dir Ratschläge aber vielleicht solltest Du Dir auch professionelle Hilfe suchen.“ Und da hatte er Recht. Professionelle Hilfe wollte ich aber nicht, denn ich wusste, irgendwie schaffe ich es. Irgendwann ging ich dann den Schritt und traf mich mit meinen Freundinnen. Aber wisst ihr was, ich saß da zwischen Ihnen und war körperlich anwesend aber mein Inneres wollte nur weglaufen. Wir sprachen über allgemeine Themen und natürlich auch über Knödels Krankheit und wie es mir geht. Was ich damals erschreckend fand war wieder diese Kluft, die sich zwischen uns auftat. Während meine Freundinnen sich darüber freuten, dass ihre Babys anfingen zu plabbern freute ich mich darüber, dass mein Kind keinen Zugang mehr am Körper hatte. Während sie Sorge darüber hatten ob der Pekip Kurs das richtige für ihr Baby sei, sorgte ich mich darum, ob mein Kind stabil bleibt und es bis zur OP schafft. Als ich das dann meinem Mann zu Hause unter Tränen berichtete sagte er zu mir: „Du kannst jetzt nicht erwarten, dass jeder um Dich herum ein so schweres Schicksal hat. Sei froh, dass sie es nicht haben.“ Und das war ich natürlich. So zog ich mich nicht zurück sondern traf mich natürlich weiterhin mit ihnen. Aber ich fühlte mich tatsächlich immer öfters unter mehreren Menschen unwohl und wollte dann am liebsten nur noch weg.

Das war eine wirklich anstrengende Phase in diesem dunklen Loch aber ich wusste das einzige was mir helfen würde war die Zeit. Die ersten drei Monate waren am schlimmsten und dann kam die OP. Nachdem wir vier Wochen Krankenhausaufenthalt und eine kritische Phase überstanden hatten ging es plötzlich bergauf. Knödel erholte sich gut und legte eine richtig tolle Entwicklung hin. Das und die Tatsache, dass die erste große OP so erfolgreich gewesen ist bildete mein Rettungsseil. Ganz viele schöne Momente, die folgten, ihr erstes Lächeln, ihre quirlige Art, unsere große Tochter, mein Mann, meine Freunde, meine Familie – alle zogen daran und so kam ich Schritt für Schritt ans Tageslicht. Aber wisst ihr was ich im Gepäck hatte? Die Einsamkeit. Heute ist sie mein Freund. Mittlerweile bin ich ganz gerne mal einsam und ziehe mich vor allem zurück, denn ich weiß, dass es nicht von Dauer ist. Aber es hilft mir um klare Gedanken zu fassen.

Ich habe gelernt, dass diese Geschichte eben unser persönliches Schicksal ist und sie nicht jeder verstehen muss, um für uns da zu sein. Ich sehe jetzt nicht mehr nur die traurigen sondern viel stärker die schönen Momente die damit einhergehen. Die Gespräche mit meinen Freundinnen über allgemeine Kinderthemen tun mir gut, weil sie mich wieder in die „normale“ Welt zurückholen. Ich hatte zunächst sogar Angst davor wieder arbeiten zu gehen aber auch das war ein Schritt in die richtige Richtung, denn die Arbeit und die Menschen dort sind ein Stück meiner „alten“ Welt in die ich so immer mal wieder zurückspringen kann.

Es wird sicher wieder sehr herausfordernde und schwierige Phasen für uns geben. Spätestens mit der zweiten großen OP die bevorsteht, aber ich nehme mir feste vor nicht wieder in dieses Loch zu fallen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich da ein dickes Absperrband.

Wir hatten das Glück, dass die Entwicklung und die guten Prognosen für Knödel uns weitermachen lassen trotz aller Schwierigkeiten. Meine Gedanken sind jeden Tag bei den Menschen und Eltern bei denen es nicht so ist.

Eure Sonja

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Sonja!
    Ich wurde gestern von Chris (http://lustaufbrot.com/) zum Blogger Recognition Award nominiert!
    Weil ich mich so darüber gefreut habe, möchte ich die Nominierung gerne an dich weitergeben, weil ich deinen Blog so gerne mag.
    Du findest deine Nominierung hier: http://meinglutenfreierbackofen.blog/2017/11/08/ich-wurde-nominiert/
    Liebe Grüße von Stephfanny von „Mein glutenfreier Backofen“

    Gefällt 1 Person

    1. Sonja sagt:

      Liebe Stephanie, ach Du meine Güte. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Das ist so lieb von Dir. Jetzt habe ich gerade Tränen in den Augen weil ich diese Geste so unglaublich rührend finde. Ich danke dir von Herzen. Es freut mich sehr, dass Du meinen Blog so gerne magst und ich finde es toll, dass wir uns darüber kennenlernen durften. Ich schaue gleich mal in die Nominierung rein. 😘

      Gefällt 1 Person

      1. Hach Sonja, nein, bitte nicht weinen 🙂 ich freu mich doch einfach genauso wie du. Ich war auch ganz hibbelig, als ich meine Nominierung sah. 🙂 🙂 Ganz liebe Grüße zurück

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s