Ist es Angst oder Respekt? Wenn wir lernen, dass unser Glück zerbrechlich ist

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Ich glaube ich war schon immer ein Mensch, der die Dinge nicht als selbstverständlich angesehen hat. Das Schicksal anderer Menschen hat mich noch nie kalt gelassen. Ich würde von mir selbst sagen, dass ich jemand bin, der sich gut in andere Menschen und ihre Geschichte hineinversetzen kann. Auch deshalb befand ich mich noch nie im Team „mir passiert so etwas nicht“ sondern ich war immer etwas achtsam, weil ich wusste wie zerbrechlich Glück sein kann. Das gut behütete Glück liegt in unseren Händen aber plötzlich kommt ein Windstoß und es liegt zerbrochen vor uns auf dem Boden. Es ist nicht vorhersehbar. Es ist nicht zu vermeiden. Der Wind kommt und geht rücksichtlos und hinterlässt einen Scherbenhaufen.

Mit der Geburt unserer Knödel kamen die Nachrichten hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes auf uns zu geweht wie ein solcher Wind, der sich mit jeder zusätzlichen Diagnose zu einem Sturm ausbreitete. Er fegte das Glück aus unseren Händen und wir konnten nichts dagegen tun.

Ich war so geschockt über diese Entwicklung, dass im ersten Moment alles zerbrochen vor mir lag: Das wunderbar zurecht gedachte Familienleben zu viert, Geschwisterliebe, ein entspanntes Elternjahr, einfach alles. Ich war so überwältigt von dieser Wendung in unserem Leben, dass ich in den ersten Wochen gar nicht dazu kam, die Scherben zu begutachten und wieder aufzusammeln.

Da war ich doch immer so achtsam, habe mir eingebildet, dass ich bereits das Bewusstsein habe mit allem im Leben rechnen zu müssen. Aber das hatte ich nicht. Zum Glück. Denn hätte ich während meiner Schwangerschaft bereits gewusst was mich erwartet, wäre diese sicher nicht so entspannt abgelaufen. Sie wäre vollgepackt gewesen mit Sorgen und Ängsten. Mein gut behütetes Glück wäre langsam zerbrochen statt am Ende schnell. Ich glaube, das wäre schlimmer für mich gewesen.

Seitdem Knödel zu uns gekommen ist, habe ich das Gefühl, ich bin ängstlicher gegenüber dem was kommen kann. Ich habe jedes Mal Angst davor, mit ihr zum kardiologischen Check zu gehen, weil ich weiß, dass er auch schlechte Nachrichten für uns bereithalten kann. Ich habe Angst davor, wenn unsere Maus sehr krank ist und hoch fiebert, weil ich nicht nur den einfachen Infekt im Kopf habe, der dies mit größter Wahrscheinlichkeit auslöst. Ich habe Angst um Freundinnen, die schwanger sind, weil ich meine Bilder im Kopf habe. Ich weiß was passieren kann. Ich glaube auch nicht, dass ich diese Angst je wieder aus mir herausbekomme. Sie bestimmt auch sicher nicht meinen Alltag, aber sie ist immer dabei. Vielleicht ist das Wort „Angst“ aber auch nicht das richtige in diesem Zusammenhang. Denn für mich fühlt es sich eher an wie „Respekt“. Wenn ich eines aus unserer Geschichte gelernt habe, dann, dass man die Dinge niemals als selbstverständlich hinnehmen darf und, dass es notwendig ist eine gesunde Portion Respekt vor dem Leben zu haben. Sich von Idealvorstellungen zu verabschieden heißt nicht, dass es ein Weg in die falsche Richtung ist. Denn das was kommt kann so viel schöner und besser sein, auch wenn der Weg dorthin steinig ist. Meine tägliche Portion Respekt geht sicher schon ein wenig in die ungesunde Richtung aber nach allem Erlebten nehme ich das mal als „normal“ hin. Ich weiß mich noch zu zügeln. Respekt macht die Dinge nicht vorhersehbarer oder leichter zu ertragen aber er hilft uns eine Dankbarkeit zu entwickeln für die Dinge die wir haben.

Wir haben dann nach und nach die Scherben aufgesammelt und haben festgestellt, so stark zerbrochen wie gedacht waren sie nicht. Stück für Stück haben wir sie wieder zusammengesetzt: die Liebe, den Zusammenhalt, den Mut, die Stärke, die Zuversicht, die Hoffnung, den Verstand und viele mehr. Am Ende hielten wir unser Glück wieder in den Händen. Es hat zwar nicht die vorherige Form sondern vielmehr ein paar Ecken und Kanten aber gerade das macht es besonders. Es ist jetzt nicht mehr glatt und rund aber für uns dafür umso schöner. Und das halten wir jetzt fest.

Danke, Knödel und Maus, dass ihr uns schon so viel gelehrt habt und unser Leben täglich reicher macht. Mit euch ist unser Glück perfekt.

Eure Sonja

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